Werte und Gewalt

Zusammenfassung “Gewalt-Prävention”

“Gewalt & Brutalität in der Gesellschaft - Woher? Wohin?

Vorbeugen durch (Um- und) Innen-Weltschutz ?
Wie gehen wir miteinander um – den Sozialprozess gestalten !
Präventions Alternativen fördern – entwickeln und vernetzen !

1. Nimm Dir die Zeit, die schönen Dinge im Leben zu sehen und zu genießen.

Über Vorbeugung wird oft und viel gesprochen, meistens allerdings erst dann, wenn es dafür zu spät ist, wenn Suchtkranke oder Drogenabhängige ihre Umgebung belasten oder wenn schwere Straftaten, wie z. B. ausländerfeindliche Übergriffe, beklagt werden. Dann ertönt - vor allem in Sonntagsreden - der Ruf nach Prävention, also eigentlich zu spät.

Spontan werden dann “Runde Tische” gebildet, Projekte geplant oder Aktionen und Demonstrationen veranstaltet. Nicht nur das “Zu spät”, sondern auch die spezifische Vorgehensweisen, z. B. gegen Kriminalität, Gewalt, Sucht oder Drogen, sind problematisch.

Eine umfassende Gesundheitsförderung

und Prävention, der Innenweltschutz, sind eher geboten als Aktionen und punktuelle Projekte. Selbstverständlich muss vorgebeugt werden. Die entscheidende Frage ist nur:

2. Wie beugen wir möglichst effektiv vor?

Wie gestalten wir Prävention möglichst kostengünstig? Das WIE ist also die entscheidende Frage.

Nicht nur die Abhängigkeit und der Missbrauch von Suchtmitteln fordern zur Vorbeugung heraus, sondern auch viele andere Erscheinungen, die sich in Wechselbeziehungen erheblich beeinflussen.

Vorbeugung heisst: leben lernen, erziehen, befähigen und ermutigen.

Der Weg über die Suchtprävention steht diesen Grundsätzen entgegen. Leben ist etwas Schönes und Positives, Sucht ist das nicht.

Die Portugiesen nennen ihre Vorbeugung sehr richtig: “Projecto VIDA”, also “Lebens-Projekt”.

Die in Schulen weitgehend praktizierte Suchtprävention ist oft negativ ausgerichtet, eben an der Sucht mit ihren schrecklichen Negativfolgen.

Sie gibt Informationen, die wenig hilfreich sind, oft sogar neugierig machen und damit gefährlich sind. Ähnlich wird bei anderen Symptomen verfahren. Das Negative wird herausgestellt, ausführlich werden Daten und Straftaten vorgestellt, eine gewisse Drogenkunde wird vermittelt.

3. Was wirkt wie?

Wir wissen aber, dass Information allein nicht präventiv wirkt. Vielmehr geht es auch um Gefühle, um Einstellungen, Haltungen und Kompetenzen, um das, was Adolf Busemann bereits 1931 nüchtern feststellte:

“Jeder Mensch braucht, um gesund leben und sich entwickeln zu können. in rhythmischer Wiederholung ein Mindestmaß an Berührung mit der Natur, an Alleinsein und Gesellung, an Freude, Achtung, Vertrauen und Erfolg, an Eigentum, Muße und Stille sowie an Erhebung über den Alltag und über das Vergängliche.”

4. Was ist Innenweltschutz?

Er ist an die Stelle der Sucht- und Drogenprävention und vieler anderer Vorbeugungspraktiken zu setzen. Innenweltschutz ist Gesundheitsförderung und Prävention im Sinne der WHO.

Er geht ursachenorientiert, ganzheitlich, gesamtgesellschaftlich und vor allem auch positiv vor. Dieser Innenweltschutz orientiert sich nicht an Drogen, Suchtmitteln, Gewalt und Daten, sondern an Menschen, an ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Begabungen, natürlich auch an ihren Schwierigkeiten und Problemen. Er will Immunkräfte stärken und Lebenstüchtigkeit vermitteln

Somit müsste deutlich sein, dass dir Folgen von Gewalt alle betreffen und die Eindämmung im Interesse der Allgemeinheit liegt.

JA in Wort und Tat zum Leben, zur Menschenwürde, Wertschätzung und Zukunft und damit zu mehr Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden. Das ist in Familien, Kindergärten und Schulen anzusetzen, auch in Jugend- Sport und ähnlichen Gruppen, - denn dissoziales Verhalten entsteht im Sozialprozess und kann auch nur dort verhindert werden.

Die Kernfrage lautet: was können wir selbst, jeder einzelne von uns für einen wirksamen Innenweltschutz tun? Dazu sieben Anregungen:

Ein Kernanliegen ist, Kinder, junge und erwachsene

4.1.Menschen stark zu machen;

denn die Hauptursache für dissoziales Verhalten ist immer Schwäche. So gilt es Talente zu entdecken und zu fördern, das Selbstwertgefühl und die Widerstandsfähigkeit zu stärken durch Selbsttätigkeit, Teilnahme/Partizipation, Vermittlung von Erfolg oder den Aufbau einer Beziehung.

4.2. Es gibt keineswegs nur negative Entwicklungen. Über sie wird nur mehr berichtet. Wenn wir genauer hinschauen, eine “positive Brille” aufsetzen, entdecken wir erstaunlich viel Gutes

Es gilt,

positive Entwicklungen

zu fördern und mit guten Beispielen und Vorbildverhalten zu begeistern, Erfolge zu vermitteln und zu ermutigen. Daran können sich viele beteiligen, - Privatpersonen und Vertreter von Institutionen.

4.3. Gegensteuer geben wir insbesondere jungen Menschen durch

reizvolle Alternativen

die realitäts-, abenteuer- und erlebnisorientiert angelegt sind. Das wird z.B. in Freundschaften erlebt, beim sozialen, oder politischen Engagement, bei gemeinsamen Unternehmen in vielen Bereichen wie Sport, Spiel, Tanz, Musik, Theater, Kultur, Kirche, Natur, Wandern, Tiere, Sprachen, Technik, Wissenschaften oder fremde Länder. Das gilt gleichermaßen für Erwachsene.

Hier wird deutlich, dass die Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich vorgehen muss. Sie darf nicht nur Sache von Schulen, Jugendhilfe und Fachleuten sein, sondern ist jedermanns Aufgabe und Chance. Offenheit, Glaubwürdigkeit und Wertschätzung schaffen eine gute Atmosphäre und die Grundlage für eine Umgangskultur, in der sich alle wohl fühlen.

4.4. Die vorhandenen Erkenntnisse müssen koordiniert

in einem Gesamtkonzept

umgesetzt werden. Stärkung des Rechtsbewusstseins, Straftäter dürfen nicht am “Erfolg” lernen, Erziehungsfähigkeit durch Familie und Schule muss deutlich gemacht werden, Abbau von Ängsten und Misserfolgen, Verstärkung der Jugendarbeit, Rechtskundeunterricht und Familienpädagogik, Helfen statt Strafen, Eltern- und Lehrerfortbildung, Verringerung von Gewaltdarstellungen in Medien.

4.5.
Wenn es seit einigen Jahren eine Umweltverträglichkeitsprüfung gibt, müsste es logischerweise auch eine

Innenweltverträglichkeitsprüfung bei allen wichtigen politischen Entscheidungen geben, die die berechtigten Belange der Sicherheit und Gesundheit, besonders der Kinder, der Jugend, der Familien sowie der Senioren berücksichtigt.

Hier wird deutlich, dass neben dem Jugend-, Sozial- und Gesundheitsamt auch die Polizei in einem “Kommunalpräventiven Rat” hervorragende Möglichkeiten hat, frühzeitig gestalterisch mitzuwirken, anstatt lediglich reaktiv Straftaten aufzuklären und Straftäter zu sichern.

Im Kern geht es um die Frage: “Wie gehen wir miteinander um?”

4.6. Wir wissen, dass in Krisen, Problemen und Konflikten nicht ausschließlich Negatives gesehen werden darf. Vielmehr vermitteln sie Lebenssinn und

positive Möglichkeiten, die völlig neue Perspektiven eröffnen. Wichtig ist da Sensibilität, Verständnis, Gelassenheit, Freude, Zuversicht, vor allem aber eine positive Erwartungshaltung.

4.7. Nicht zuletzt geht es um die Erwachsenen, dass sie grobe Fehler vermeiden

und richtige Prioritäten setzen. Im Kern steht die Frage:

“Wie gehen wir miteinander um?”

Ethik, ein Wertsystem, Glaubwürdigkeit und Vorbildverhalten sind gefragt. Nur klare und eindeutige Positionen helfen weiter. Das bedeutet, kein “Laisser-faire”, kein “Recht auf Rausch”, keine “Salamitaktik” in Richtung auf Freigabe, sondern ein konsequentes und unmissverständliches NEIN zu Drogen und Gewalt!

Innenweltschutz bedeutet auch ein uneingeschränktes JA in Wort und Tat zum Leben, zur Menschenwürde, Wertschätzung und Zukunft und damit zu mehr Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden.

5. Konflikte konstruktiv zu lösen.

Unsere Lehrer sind für etliche Schüler, Probleme und Herausforderungen, die in der Schule heute und morgen auf sie zukommen, nicht vorbereitet. Das gilt insbesondere für Gewalt und Drogen.

Eltern sind ebenfalls für ihre wichtige Aufgabe zu wenig gerüstet. Täglich berichten Medien von Partnerkonflikten, Ehestreitigkeiten und Familientragödien. Dabei spielen oft Missbrauch, Alkohol, Drogen, Gewalt und Kriminalität ineinander.

Mitursächlich dafür sind neben der unzureichenden Lebensvorbereitung die

6. fehlende Kommunikations- sowie Konfliktlösungskompetenz.

Diese täglich in unterschiedlichen Facetten auftauchenden Tragödien sollten uns vermehrt motivieren, in diesen Bereichen zu arbeiten. Bürgerinnen - auch Lehrkräfte - lassen sich durchaus für die Gesundheitsförderung und Prävention begeistern, weil damit Ängste und Sorgen, Verletzungen, Not und Tod vermindert werden können.

Ziel ist letztlich, Menschen zu befähigen, ihre Probleme und Konflikte konstruktiv zu lösen, nicht in Missbrauch, Drogen, Alkohol, Gewalt und Kriminalität zu flüchten, sondern ihr Leben selbstverantwortlich und positiv zu gestalten.

7. Konzentrieren wir uns auf Lebenssinn und Werte

Was bedeutet das konkret?

7.1. Eine spezifische Prävention ist gar nicht möglich, da Vorbeugung als Teil der Erziehung immer gegen Destruktives allgemein wirksam wird.

7.2. Auf spezifische Vorbeugung, also z.B. auf Drogenprävention und spezifische Arbeitsgruppen, kann völlig verzichtet werden.

7.3. Das Spezifische einzelner Präventionsstrategien wird von Institutionen und Arbeitsgruppen in ein ganzheitliches Konzept der Gesundheitsförderung und Prävention gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einbezogen. Es hat das Ziel,

8. gesundheitsförderliche Lebenswelten zu schaffen, persönliche Kompetenzen zu entwickeln und Aktivitäten zu vernetzen.

In Schulen, Betrieben und Gemeinden werden entsprechende Arbeitgruppen gebildet, die ursachenorientiert und gesamtgesellschaftlich alle Formen dissozialen Verhaltens zu verhindern suchen.

Wenn also Arbeitsgruppen Konzepte entwickeln und in die Praxis umsetzen, welche die strukturellen Verhältnisse und persönlichen Lebenslagen verbessern, die Kinder und Jugendliche, Eltern, Familien und Lehrer stark machen, die Orientierung mit guten Beispielen und klaren Grenzen geben, Lebenlernen in Beziehungen und Freiräumen ermöglichen, die vielfältige Handlungskompetenzen, Konfliktlösungs- und Krisenbewältigungsstrategien vermitteln, so wirkt das gegen vielerlei dissoziales Verhalten, wie es sich überall da zeigt, wo auf diese Weise praktisch gearbeitet wird.

Auf diese Art und Weise würden die zur Verfügung stehenden bescheidenen Mittel und Kräfte gebündelt. Von groß angelegten Programmen wissen wir, dass sie oft nicht an der Basis ankommen, dass sie spezifisch, oft aufgrund aktueller Vorfälle, angelegt sind und dass sie allzu früh auslaufen.

9.Eine Bündelung der Vorbeugungsmaßnahmen

ist sinnvoll, weil einzelne Aktivitäten schnell verblassen und Erkenntnisse nicht in Maßnahmen umgesetzt werden, vor allem, wenn es keinen aktuellen Druck mehr gibt.

Eine sorgfältige, kompetente, frühzeitige und kontinuierliche Prävention findet nur selten statt und bleibt aus den genannten Gründen Stückwerk.

Oft entsteht der Eindruck, dass manche Verantwortliche und Institutionen weniger die Menschen mit ihren Nöten, sondern eher sich selbst, ihre Interessen, ihr Image, ihre Ressourcen sehen als die große gemeinsame Aufgabe der Vorbeugung.

10. Der Innenweltschutz ist so wichtig wie der Umweltschutz.

Ihm ist der gleiche Stellenwert beizumessen wie dem Umweltschutz! Das heißt konkret, dass der Innenweltschutz genau wie der Umweltschutz eine eigene Infrastruktur erhalten muss, eigene Mittel, Institutionen und Mitarbeiter, also Beauftragte und Verantwortliche.

Der Umweltschutz hat uns gezeigt, dass sich durch ein Umdenken Einstellungen und Verhalten ändern, die Umweltverschmutzungen und Umweltzerstörungen eingeschränkt haben. Genauso sind Einstellungs- und Verhaltensänderungen möglich gegen die Innenweltverschmutzung und -zerstörung.

11. “Ich kann da einiges tun! Ich bin wichtig! Ich bin nicht machtlos!”

Das sind die Lernziele von Seminarien und ähnlichen Bemühungen. Allerdings müssen auch Politiker aller Ebenen begreifen, dass es höchste Zeit ist, mehr für die Vorbeugung zu tun.

Die Ministerin in Bayern, Christa Stewens, stellt ein Programm vor, welches das Sozialverhalten von Schülern auf einen neuen Weg bringen soll.

Wenn Kinder Opfer von Gewalt werden, sind dafür oft auch andere Kinder verantwortlich. Laut Forschung hat vor allem die Schärfe aggressiver Handlungen an Schulen zugenommen. In Bayern wird deshalb die Erziehung zur gewaltfreien Austragung von Konflikten ausgebaut. Im kommenden Schuljahr startet zunächst an 50 Kindergärten und 60 Grundschulen ein umfangreiches Projekt zur Gewaltprävention. Mit dem Programm “Faustlos”, sollen Kinder spielerisch soziales Verhalten erlernen.

Wesentlicher Bestandteil des Präventionsprogrammes sind Rollenspiele, durch welche die Kinder lernen, Konflikte gewaltfrei auszutragen. Dabei geht es vor allem um die Stärkung der Persönlichkeit der Kinder. Ihnen solle vermittelt werden, nicht vor Konflikten zu flüchten, sondern auf Aggressionen “ich-bezogen und bestimmt” zu reagieren, und deren Ursachen zu reflektieren. Zentral sei auch die Beziehung zwischen Lehrer und Erzieher auf der einen und Kindern auf der anderen Seite. Je positiver die Bindung sei, desto bessere Ergebnisse würden erzielt.

“Kinder, die man nicht liebt, werden Erwachsene die nicht lieben.” (P. S. Buck)

Aus verschiedenen Texten zusammengestellt Toni Miesch 18.12.03