Mitgestaltung im Gottestdienst

Therapeutische Aspekte der Mitarbeit in der Thomasmesse

Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist.
Es sind mancherlei Dienste, aber es ist ein Herr.
Es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.

Paulus an die Korinther

Der Grundgedanke der ThomasMesse ist der gleiche, auch wenn sie überall etwas unterschiedlich gefeiert wird. Immer geht es darum, dass ein Raum in der Gegenwart Gottes eröffnet wird, wo jede und jeder willkommen ist und einen Platz findet. Nichts und niemand wird ausgeschlossen oder ausgegrenzt. In diesem Raum finden sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TM. Sie erfahren ihn selbst und eröffnen ihn anderen. Gleichzeitig wissen sie, dass die Begegnung mit dem Unverfügbaren nicht in ihrer Macht steht. Insofern hat die Mitarbeit in der TM etwas sehr Lebensnahes. Geben und Nehmen gehört dazu, Freiheit und Grenzen des Gestaltens, die Erfahrung, dass der eigene Beitrag wichtig und doch nicht alles ist. Die folgenden Ausführungen sind aus sechs Jahren Mitarbeit im TM-Team Reutlingen erwachsen. Es sind lediglich Aspekte der Mitarbeit in der TM. Sie beanspruchen weder vollständig noch objektiv zu sein.

 

1. Ich trage etwas bei

Weder alles allein machen zu können, noch alles machen zu müssen, ist das, was Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TM von Mal zu Mal erfahren. Es geht schlicht darum dass ich meinen Teil mit meinen Gaben einbringe. So wie jeder Mitarbeiter seinen Teil mit seinen Gaben einbringt. Nicht der oder die Einzelne ist es, der das Ganze trägt, sondern die Gemeinschaft ist es, die trägt. Und sich dabei selbst als Getragene erfährt. Die TM nimmt die biblische Wahrheit ernst, dass der Gottesdienst von vielen Gaben lebt, nicht in erster Linie oder ausschließlich von der des Pastors oder der Pastorin. Und sie zeigt, dass jede Gabe wichtig und relevant ist, damit der Gottesdienst zum Dienst von Gott an Menschen wird: Dekoration, Musik, Technik … Insofern hat die Mitarbeit in der TM etwas Heilsames: Ich erfahre mich als jemanden, der etwas zu geben hat, und gleichzeitig als jemanden, der auf Ergänzung und Hilfe angewiesen ist.

 

2. Ich zeige etwas von mir

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TM stellen sich den Besuchern als Menschen zu Verfügung. Und das auf ganz verschiedenen Ebenen. Alle sind angehalten, in ihren Wort- Beiträgen keine Allgemeinweisheiten von sich zu geben, sondern konkret zu werden, auch (und gerade) eigene Erfahrungen, Fragen und Zweifel nicht auszusparen. Ohne damit zu kokettieren oder sich zu schmücken. Echtheit ist gefragt, schlichtes Echt-Sein. Dasselbe gilt auch in den persönlichen Begegnungen der TM, sei es bei der Begrüßung, beim Segnen und Salben oder in den Gesprächen… Das Menschliche in all seinen Schattierungen hat hier seinen Platz, hat seinen Platz in der Kirche, seinen Platz bei Gott.

 

3. Ich stehe zu meinen Grenzen

Gaben haben, heißt auch Grenzen haben. Das müssen keine starren Grenzen sind. Manchmal muss ich etwas Neues ausprobieren und wagen, um meine Gaben zu entdecken. Manchmal muss ich aber auch „Nein” sagen. Nein, weil etwas nicht zu mir passt. Nein, weil es zu viel wird und das Gleichgewicht zwischen Mit-Feiern und Mit-Arbeiten nicht mehr stimmt. In der TM mitarbeiten, bedeutet, sich begrenzt einzubringen und auf Dominanz zu verzichten. Es bedeutet aber auch: Mit Grenzen und Unvollkommenem leben. Ein Gottesdienst wird nicht dadurch perfekt, dass alle „Einzelteile” perfekt sind. Es ist Gottes Geist selbst, der ihn zu einem Gottesdienst macht. Hier ist die Bescheidenheit (Demut) aller Mitarbeiter gefragt, weder von sich noch von andern mehr zu verlangen oder zu erwarten als gut ist. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung für alle Mitarbeiter/innen, die allzu Schnellen zu bremsen, die Zögerlichen zu ermuntern und die Dominanten in ihre Grenzen zu weisen.

 

4. Ich respektiere die verschiedenen Prägungen

Die offene und überkonfessionelle Zusammenarbeit in der TM ist eine große Sache. Sie bereichert die Feier und ermöglicht neue Zugänge und Sichtweisen. Aber sie hat auch ihre Tücken und Schwierigkeiten. Denn aus dem Vielen soll Eines werden. Und das, ohne die Unterschiede zu verwischen oder einzuebnen. Ökumenisches Miteinander-Arbeiten erfordert Respekt voreinander und Sensibilität füreinander. Es geht nicht darum, das des andern zu übernehmen. Aber ich soll ihn im Blick haben und ihn in seiner Identität stärken. Auch wenn ich meine Position vertrete. Das ist mehr als bloße Toleranz. Zeit, sich zu öffnen und kennen zu lernen, ein geschützter Rahmen und gegenseitige Achtung, sind wichtige Voraussetzungen. Das gilt nicht nur im Hinblick auf religiöse, sondern auch auf menschliche Eigenheiten. Doch können auch hier Missverständnisse und Verletzungen niemals ausgeschlossen werden. Ehrliches und gleichzeitig nachsichtiges Miteinander-Umgehen sind dabei genauso wichtig, wie ein Wort der Entschuldigung oder des Verzeihens:

 

5. Ich glaube an die Gestaltungskraft Gottes

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TM denken und planen, organisieren, bereiten vor. Zusammen, in Kleingruppen, einzeln. Bei allem Tun wissen sie aber darum, dass sie auf Gottes Segen angewiesen sind. Um diesen bitten sie, an den segnenden Gott glauben sie. Sie erfahren sich gleichzeitig als Akteur und Teil in Gottes Werk. Die Summe der einzelnen Teile ist mehr als das Ganze. Die Gestaltung der „Einzelteile” ist schlicht Arbeit, die Erschaffung des Ganzen ist das Werk Gottes. So wird die TM auch zu einer existenziellen Erfahrung der Schöpfungs- und Gestaltungskraft Gottes.

Für das TM-Team Reutlingen Hanna Hartmann im Dezember 2003